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Pamina empfindet bis zum Schluß mit keinem Wort Dankbarkeit
gegenüber Sarastro, dessen Weisheit sich nur mit Raub und Gewalt
durchsetzen kann. Auch Tamino gegenüber verhält sich Sarastro nicht
als einfühlsamer Pädagoge, sondern als ein despotischer Erzieher, der
die Wege nach seinem Gusto bestimmt. Sarastros Macht hat aber bei den Priestern,
die eine demokratische Brüderversammlung darstellen, seine Grenzen. Er
muß die Aufnahme Taminos zur Abstimmung stellen:
“Mit reiner Seele erklär ich euch, daß unsere heutige
Versammlung eine der wichtigsten unsere Zeit ist. Tamino, ein Königssohn,
zwanzig Jahre seines Alters, wandelt an der nördlichen Pforte unseres
Tempels und seufzt mit tugendvollem Herzen nach einem Gegenstande, den alle mit
Mühe und Fleiß erringen müssen. Kurz, dieser Jüngling will
seinen nächtlichen Schleier von sich reißen und ins Heiligtum des
größten Lichtes blicken. Diesen Tugendhaften zu bewachen, sei heute
eine unserer wichtigsten Pflichten.”
Das Tamino ein Königssohn ist, bedeutet allein noch kein Vorzug, mag
Sarastro es auch so darstellen. Erst der Besitz dreier wesentlicher
Voraussetzungen berechtigt ihn, aufgenommen zu werden: Tugend, Verschwiegenheit
und Wohltätigkeit. Und auch dann bleibt der Zweifel eines
Priesters:
“Großer Sarastro, deine weisheitsvollen Reden erkennen und
bewundern wir; allein wird Tamino auch die harten Prüfungen, so seiner
warten, bekämpfen? Verzeih, daß ich so frei bin dir meinen Zweifel zu
eröffnen! Mir bangt es um den Jüngling. Wenn nun, im Schmerz
dahingesunken, sein Geist ihn verließe und er dem harten Kampf
unterläge? Er ist Prinz.”
Darauf weiß Sarastro nur zu antworten: “Noch mehr – er
ist Mensch!” Sarastro muß seine Hervorhebung des Prinzen
zurücknehmen, denn in der Versammlung der Eingeweihten herrscht
Gleichheit.
Es ist die wunde Stelle Sarastros, dessen mir viel Baßpathos
verkündeten Weisheitsreden so wenig mit seinem Verhalten
übereinstimmen. War schon der Raub Paminas fragwürdig, so ist es sein
Auftreten erst recht. Er “fährt auf einem Triumphwagen heraus, der
von sechs Löwen gezogen wird”, Zeichen einer in vollen Zügen
genossenen Herrscherwürde. Seine Umgebung besteht aus lauter Sklaven, was
meist in den Inszenierungen der Zauberflöte verunklart wird, unter anderem
durch die willkürliche Kürzung der gesprochenen Textpartien. Die
Sklaven haben sogar eigene Textszenen, die allerdings fast immer weggelassen
werden. (Auf dem Plakat der Uraufführung kann man deutlich die rolle eines
ersten, zweiten und dritten Sklaven lesen, wogegen die drei Knaben dort nicht
aufgeführt waren!) Aber die Sklaven Sarastros sind es nicht allein. Auch
seine Willkürherrschaft wird deutlich vorgeführt. Als es Monostatos
gelingt, Pamina von ihrer Flucht wieder einzufangen, erhält er zum Dank
für seine Wachsamkeit folgende Antwort:
“Sarastro: Verdient, daß man ihr Lorbeer streut. He! Gebt dem
Ehrenmann sogleich –
Monostatos: Schon deine Gnade macht mich reich.
Sarastro: Nur siebenundsiebzig Sohlenstreich´.
Monostatos: ach, Herr, den Lohn verhoff´t ich nicht!
Sarastro: Nicht Dank, es ist ja meine Pflicht!” Ein solcher Zynismus des Herrschers gegenüber den Untergebenen ist
natürlich nicht ohne Absicht eingeführt worden. Sarastro mag zu den
Eingeweihten gehören, ein Tugendhafter, ein Vorbild an Weisheit ist er
deswegen lange nicht, auch er bedarf der Arbeit an sich selbst. Die spätere
Arie Sarastros verhält sich zu diesem “Vorkommnis” wie Anspruch
und Wirklichkeit. Sie ist pure Ideologie aus seinem Mund; statt so zu
künden, hätte er zu handeln:
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