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“Froh Hand in Hand in Tempel gehen./ Ein Weib, das Nacht und Tod
nicht scheut,/ ist würdig
und wird eingeweiht.”
Sarastro wird hier ganz eindeutig von den Priestern korrigiert, die den
Geschlechtsunterschied unter Menschen in ihrem Kreis aufheben. (Es ist sogar die
Frage nach weiblichen Eingeweihten zu stellen, da im Chor eindeutig Sopran- und
Altstimmen notiert sind.)
Vor dem Hintergrund des Wiener Freimaurertums, in dem auch sogenannte
Adoptionslogen mit gemeinsam arbeitenden Männern und Frauen existierten
– ein historisch noch ganz unerforschtes Feld, weil in der
Freimaurerforschung heruntergespielt -, stellt sich die Zauberflöte als
eine Oper dar, in der die Eingeweihten nicht als monolithischer Block gezeigt
werden, sondern als Gruppierung voller Widersprüche, arbeitend ohne jeden
Anspruch auf Unfehlbarkeit. Mozart unterstreicht mit musikalischen Mitteln
dieses Infragestellen, wenn er z.B. dem Priesterduett “Bewahret euch vor
Weibertücken:/ Dies ist des Bundes erste Pflicht!/ Manch weiser Mann
ließ sich berücken,/ [...]/ Tod und Verzweiflung war sein Lohn”
eine so parodistische Musik unterlegt, daß man nicht weiß, ob die
Priester sich lustig machen (z.B. über Sarastro) oder Mozart die Priester
karikiert.
Bei genauer Textlektüre – die oft gegen den vordergründigen
Sinn des Textes geschriebene Musik fordert geradezu dazu heraus – kann die
Vorstellung, Sarastro verkörpere die Welt des Guten, die Königin der
Nacht das Böse, so nicht aufrecht erhalten werden. Die Entfesselung der
Leidenschaften bis zur Anstiftung zum Mord (Königin der Nacht),
Prachtentfaltung, Herrschaftsgelüste und krasse Ungerechtigkeiten
(Sarastro), zwei Selbstmordversuche (Papageno, Pamina), Unbeherrschtheit und
Schwatzhaftigkeit (Papageno), Frauenverachtung (Sarastro, zwei Priester) –
solche Eigenschaften, die durchaus der Läuterung bedürfen, sind auf
viele Personen der Oper gleichmäßig verteilt, und ebenso
läßt sich von ihnen auch ein Katalog höchst schätzenswerter
Charakterzüge zusammenstellen. Es hat seinen Sinn, daß die drei
Tempel nicht mit den freimaurerischen Begriffen Schönheit, Stärke,
Weisheit überschrieben sind, sondern mit Natur, Vernunft, Weisheit. Sich in
diesem Spannungsfeld zurechtfinden, zwischen Natur und Vernunft einen weisen Weg
zu finden, das ist eher das freimaurerische Programm dieser Oper als das
Vertrauen auf die begrenzte Weisheit des Sarastro. Es scheint als hätten
Schikaneder und Mozart der Freimaurerei ins Stammbuch geschrieben, sie solle an
Stelle von Selbstgerechtigkeit Bescheidenheit üben, Herrschsucht in den
eigenen Reihen bekämpfen, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit lernen
und das helle Licht der Aufklärung nicht verlieren, das
Vernünftigkeit, Gerechtigkeit und Menschenliebe meinte.
Andererseits bedeutete die Zauberflöte in der konkreten historischen
Situation ihres Erscheinens und unter dem Beginn von Verdächtigungen und
Verbotsdrohungen nicht nur ein Bekenntnis zur Freimaurerei, sondern auch der
Versuch, sie aus dem Kreis völlig falscher Vorstellungen herauszulösen
– nicht durch ein geschönertes Bild ihrer Wirklichkeit, sondern mit
theatralischen Mitteln, die nicht mal vor Kasperlefiguren haltmachen. Wie die
Rezeptionsgeschichte dieser Oper deutlich lehrt, haben die komödiantischen,
parodistischen und zauberpossenhaftigen Züge ihre Ernsthaftigkeit keinen
Abbruch getan.
Wie ernst sich Mozart mit der Erneuerung der Freimaurerei im Sommer und
Herbst 1791 beschäftigte, zeigt, die Zauberflöte ergänzend und
ganz für eine Wirkung nach innen bestimmt, die Kleine Freimaurerkantate (KV
623), die als Mozarts letztes in sein Werkverzeichnis eingetragenes Werk so
etwas wie ein Vermächtnis darstellt. Auch diese Kantate hat Schikaneder
zum Verfasser, der ja seit 1788 selbst Freimaurer war. Sie wurde zur Einweihung
eines Logentempels von Mozarts Loge “Zur neugekrönten Hoffnung”
geschrieben und bei dieser Gelegenheit am 18. November von Mozart selbst
dirigiert. Es war sein letztes Auftreten vor seinem plötzlichen Tod zwei
Wochen später. Fast wie ein Kommentar zum grandiosen Gepränge von
Sarastros Welt hört man in einer Tenorarie die folgenden Worte:
“Dieser Gottheit Allmacht
ruhet nicht auf Lärmen, Pracht und Saus,
nein, im Stillen wiegt und spendet
sie der Menschheit Segen aus.
Stille Gottheit, deinem Bilde
Huldigt ganz des Maurers Brust,
denn du wärmst mit Sonnenmilde
stets sein Herz in süßer Lust.”
Die Turbulenzen und Streitereien in den Logen nach dem Freimaurerpatent
werden diskutiert und man beschließt mit dem neuen Logenlokal zugleich
einen neuen Anfang zu machen. “Wohlan ihr Brüder, überlaßt
euch ganz der Seligkeit eurer Empfindungen, da ihr nie, daß ihr Maurer
seid, vergeßt. Diese heutige Feier sei ein Denkmal des wieder neu und
festgeschloßnen Bundes [...]” Die Logenarbeit als eine ständige
Arbeit an sich selbst kennt keine endlich erreichte Vollkommenheit.
Jedoch ist die Freimaurerei nicht mehr zu retten. Nach dem plötzlichen
Tod Leopolds II. (1792) wurde dessen Sohn Franz Nachfolger auf dem Habsburger
Thron, der ein Regime der Verfolgung aller freigeistigen, aufklärerischen
und fortschrittlichen Ideen einleitete, der in allem nur Keim des Aufstandes,
des Umsturzes der Revolution erblickte. Die Loge “Zur neugekrönten
Hoffnung” stellte am 2. Dezember 1793 durch ein Schreiben an den Kaiser
ihre Arbeit ein, weil ihre Aufgabe nicht mehr erfüllbar sei,
“verkannt, erschwert und angefochten” werde und es “immer
unmöglicher wird, den schönen Zweck der Freymaurerei mit jener
umwölkten Heiterkeit des Geistes die zum segenvollen Anbaue notwendig ist,
und in dem Umfange zu erreichen, als es die Regel des Institutes, das Beste des
Staates und der Menschheit, und die eigene Zufriedenheit der Arbeiter
fordert.”
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