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Mozart, Amadeus Mozart (1756-1791) und die Freimaurerei

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“Froh Hand in Hand in Tempel gehen./ Ein Weib, das Nacht und Tod nicht scheut,/ ist würdig
und wird eingeweiht.”
Sarastro wird hier ganz eindeutig von den Priestern korrigiert, die den Geschlechtsunterschied unter Menschen in ihrem Kreis aufheben. (Es ist sogar die Frage nach weiblichen Eingeweihten zu stellen, da im Chor eindeutig Sopran- und Altstimmen notiert sind.)
Vor dem Hintergrund des Wiener Freimaurertums, in dem auch sogenannte Adoptionslogen mit gemeinsam arbeitenden Männern und Frauen existierten – ein historisch noch ganz unerforschtes Feld, weil in der Freimaurerforschung heruntergespielt -, stellt sich die Zauberflöte als eine Oper dar, in der die Eingeweihten nicht als monolithischer Block gezeigt werden, sondern als Gruppierung voller Widersprüche, arbeitend ohne jeden Anspruch auf Unfehlbarkeit. Mozart unterstreicht mit musikalischen Mitteln dieses Infragestellen, wenn er z.B. dem Priesterduett “Bewahret euch vor Weibertücken:/ Dies ist des Bundes erste Pflicht!/ Manch weiser Mann ließ sich berücken,/ [...]/ Tod und Verzweiflung war sein Lohn” eine so parodistische Musik unterlegt, daß man nicht weiß, ob die Priester sich lustig machen (z.B. über Sarastro) oder Mozart die Priester karikiert.
Bei genauer Textlektüre – die oft gegen den vordergründigen Sinn des Textes geschriebene Musik fordert geradezu dazu heraus – kann die Vorstellung, Sarastro verkörpere die Welt des Guten, die Königin der Nacht das Böse, so nicht aufrecht erhalten werden. Die Entfesselung der Leidenschaften bis zur Anstiftung zum Mord (Königin der Nacht), Prachtentfaltung, Herrschaftsgelüste und krasse Ungerechtigkeiten (Sarastro), zwei Selbstmordversuche (Papageno, Pamina), Unbeherrschtheit und Schwatzhaftigkeit (Papageno), Frauenverachtung (Sarastro, zwei Priester) – solche Eigenschaften, die durchaus der Läuterung bedürfen, sind auf viele Personen der Oper gleichmäßig verteilt, und ebenso läßt sich von ihnen auch ein Katalog höchst schätzenswerter Charakterzüge zusammenstellen. Es hat seinen Sinn, daß die drei Tempel nicht mit den freimaurerischen Begriffen Schönheit, Stärke, Weisheit überschrieben sind, sondern mit Natur, Vernunft, Weisheit. Sich in diesem Spannungsfeld zurechtfinden, zwischen Natur und Vernunft einen weisen Weg zu finden, das ist eher das freimaurerische Programm dieser Oper als das Vertrauen auf die begrenzte Weisheit des Sarastro. Es scheint als hätten Schikaneder und Mozart der Freimaurerei ins Stammbuch geschrieben, sie solle an Stelle von Selbstgerechtigkeit Bescheidenheit üben, Herrschsucht in den eigenen Reihen bekämpfen, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit lernen und das helle Licht der Aufklärung nicht verlieren, das Vernünftigkeit, Gerechtigkeit und Menschenliebe meinte.
Andererseits bedeutete die Zauberflöte in der konkreten historischen Situation ihres Erscheinens und unter dem Beginn von Verdächtigungen und Verbotsdrohungen nicht nur ein Bekenntnis zur Freimaurerei, sondern auch der Versuch, sie aus dem Kreis völlig falscher Vorstellungen herauszulösen – nicht durch ein geschönertes Bild ihrer Wirklichkeit, sondern mit theatralischen Mitteln, die nicht mal vor Kasperlefiguren haltmachen. Wie die Rezeptionsgeschichte dieser Oper deutlich lehrt, haben die komödiantischen, parodistischen und zauberpossenhaftigen Züge ihre Ernsthaftigkeit keinen Abbruch getan.
Wie ernst sich Mozart mit der Erneuerung der Freimaurerei im Sommer und Herbst 1791 beschäftigte, zeigt, die Zauberflöte ergänzend und ganz für eine Wirkung nach innen bestimmt, die Kleine Freimaurerkantate (KV 623), die als Mozarts letztes in sein Werkverzeichnis eingetragenes Werk so etwas wie ein Vermächtnis darstellt. Auch diese Kantate hat Schikaneder zum Verfasser, der ja seit 1788 selbst Freimaurer war. Sie wurde zur Einweihung eines Logentempels von Mozarts Loge “Zur neugekrönten Hoffnung” geschrieben und bei dieser Gelegenheit am 18. November von Mozart selbst dirigiert. Es war sein letztes Auftreten vor seinem plötzlichen Tod zwei Wochen später. Fast wie ein Kommentar zum grandiosen Gepränge von Sarastros Welt hört man in einer Tenorarie die folgenden Worte:
“Dieser Gottheit Allmacht
ruhet nicht auf Lärmen, Pracht und Saus,
nein, im Stillen wiegt und spendet
sie der Menschheit Segen aus.
Stille Gottheit, deinem Bilde
Huldigt ganz des Maurers Brust,
denn du wärmst mit Sonnenmilde
stets sein Herz in süßer Lust.”

Die Turbulenzen und Streitereien in den Logen nach dem Freimaurerpatent werden diskutiert und man beschließt mit dem neuen Logenlokal zugleich einen neuen Anfang zu machen. “Wohlan ihr Brüder, überlaßt euch ganz der Seligkeit eurer Empfindungen, da ihr nie, daß ihr Maurer seid, vergeßt. Diese heutige Feier sei ein Denkmal des wieder neu und festgeschloßnen Bundes [...]” Die Logenarbeit als eine ständige Arbeit an sich selbst kennt keine endlich erreichte Vollkommenheit.
Jedoch ist die Freimaurerei nicht mehr zu retten. Nach dem plötzlichen Tod Leopolds II. (1792) wurde dessen Sohn Franz Nachfolger auf dem Habsburger Thron, der ein Regime der Verfolgung aller freigeistigen, aufklärerischen und fortschrittlichen Ideen einleitete, der in allem nur Keim des Aufstandes, des Umsturzes der Revolution erblickte. Die Loge “Zur neugekrönten Hoffnung” stellte am 2. Dezember 1793 durch ein Schreiben an den Kaiser ihre Arbeit ein, weil ihre Aufgabe nicht mehr erfüllbar sei, “verkannt, erschwert und angefochten” werde und es “immer unmöglicher wird, den schönen Zweck der Freymaurerei mit jener umwölkten Heiterkeit des Geistes die zum segenvollen Anbaue notwendig ist, und in dem Umfange zu erreichen, als es die Regel des Institutes, das Beste des Staates und der Menschheit, und die eigene Zufriedenheit der Arbeiter fordert.”

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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